Unendlicher Spass
ERDEDY: Danke, aber ich umarme nicht so gerne.
ROY TONY: Bitte?
ERDEDY: Ken E., Ennet House, Enfield. Und sie?
ROY TONY: Roy Tony.
ERDEDY: Roy, wie geht es ihnen?
ROY TONY: Was ist los?
ERDEDY: Roy, also, wenn ich sie Roy nennen darf oder Mr. Tony, wenn ihnen das lieber ist, es sei denn natürlich es sind beides Vornamen mit einem Bindestrich, Roy-Tony und dann der Familienname – na, auf jeden Fall diese Sache mit den Umarmungen, na ja, ich umarme einfach nicht gerne. Ich bin kein Umarmer. Bin ich nie gewesen.
ROY TONY: Damit ich das verstehe, du denkst, ich bin ein Umarmer? Du meinst ich geh rum und umarm jeden?
ERDEDY: Nein, ich würde mir weder anmaßen, sie als einen Umarmer noch als einen Nicht-Umarmer zu bezeichnen, denn ich kenne sie ja gar nicht. Ich wollte damit nur ausdrücken, dass es nichts mit ihnen persönlich zu tun hat und dass ich überglücklich wäre, ihnen die Hand zu geben, auch gerne dieses komplizierte, mehrhändige ethnische Händeschütteln ausprobieren würde – wenn sie meine Unerfahrenheit mit dem genauen Prozedere nicht abschreckt – mir aber einfach grundsätzlich unwohl ist bei dem Gedanken an eine Umarmung.
ROY TONY: Glaubst du, dass ich dieses beschissene Umarmen mag? Oder sonst irgendeiner hier? Wir machen einfach was man uns sagt: Gemeinsam statt einsam, Umarmung statt Drogen. Du kleine Schwuchtel. In meiner ersten Nacht hier musste ich vier verdammte Umarmungen aushalten bis ich zum Klo raus und kotzen konnte. Kotzen, ja?
Versuch gar nicht erst mir einzureden, ich müsste mich wohl dabei fühlen. Fick dich.
Du Wichser hast jetzt zwei Möglichkeiten. Eins: Umarm mich und fühl dich vielleicht scheiße dabei. Zwei: Umarm mich nicht und ich reiß dir auf jeden Fall den Schädel ab und scheiß dir auf dein Rüschenhemd. Alles klar?
aus: David Foster Wallace: “Unendlicher Spass”. Die Originalrechte liegen bei Little, Brown and Company.
>>> “Unendlicher Spass” erschein 1996 im englischen Original bei Little, Brown and Company. Der sprachmächtige, thematisch dichte, postmoderne Roman hatte 1079 Seiten, davon waren 150 Seiten Fußnoten, die innerhalb des Romans zu lesen waren, und machte David Foster Wallce (1962-2008) zum vielleicht einflussreichsten amerikanischen Autoren der Gegenwart. Die Übersetzung ins Deutsche nahm sechs Jahre in Anspruch und erschien erst 2009 bei Kiepenheuer & Witsch. Ulrich Blumenbach bekam diverse Preise für seine Arbeit verliehen.
>>> 2004 machte sich der Theaterdiscounter an eine deutsche Theaterfassung, die im Oktober 2004 Premiere hatte.
>>> Nach Erscheinen der deutschen Übersetzung des Romans gab es viele Lesungen, eine spannende Homepage, deren Besuch sich unbedingt lohnt – aber thematische Zugriffe der größeren Theater waren zunächst nicht zu verzeichnen.
>>> Für den Sommer 2012 steht uns “Unendlicher Spass” zum Ende der HAU-Intendanz von Matthias Lilienthal als hyperrealistisches Stadtraumprojekt in Berlin bevor. Das Ganze ist mit Geldern der Kulturstiftung des Bundes gefördert, klingt in der Größenordnung massiv, bedrohlich und spannend. David Foster Wallce Vision der erschöpften, depressiven Gesellschaft soll “in der städtischen Peripherie auf ihre Relevanz in Deutschland überprüft werden.”
>>> Wie man sich vorstellen war unsere Freude groß als wir feststellten, dass das Münchner Volkstheater zu Ehren des Besuches von Spielplan Deutschland ihre Premiere von “Unendlicher Spass” auf den 22.03.2012 gelegt hat und am 23.03. die zweite Vorstellung spielt! Wir können also die Premiere sehen und uns am nächsten Tag selber an einem Zitat abarbeiten. Was will man mehr!









